„Wir brauchen mehr Resilienz im Team.“
Das ist der Satz, mit dem ich in den letzten Monaten am häufigsten in Vorgespräche reingegangen bin. Geschäftsführung sagt es, HR sagt es, manchmal sagt es auch der Bereichsleiter selbst, der gerade aus drei Wochen Krankschreibung zurück ist. Es ist gut gemeint und es ist gleichzeitig der falsche Begriff für das eigentliche Problem.
Was wir beobachten, wenn wir hineinhören, ist nicht ein Resilienz-Defizit. Es ist ein chronischer Aktivierungs-Überschuss. Das sind zwei verschiedene Probleme, mit zwei verschiedenen Lösungen.
Resilienz als Mythos
Der Resilienz-Begriff suggeriert, dass es eine Eigenschaft gibt, die manche Menschen mehr haben und andere weniger. Wer mehr davon hat, hält Druck besser aus. Wer weniger hat, kippt früher. Daraus folgt logisch: wir trainieren mehr Resilienz, dann hält das Team mehr aus.
Das ist die Geschichte, die viele Resilienz-Programme verkaufen. Sie ist nicht falsch, aber sie ist zu kurz gegriffen. Was die Forschung der letzten 20 Jahre rund um Polyvagaltheorie, Allostatic Load und Stress-Physiologie gezeigt hat, ist: was wir „Resilienz“ nennen, ist in Wirklichkeit die Fähigkeit zur Regulation, also die Fähigkeit des Nervensystems, nach einer Aktivierung wieder in Erholung zu kommen.
Diese Fähigkeit ist nicht Charakter. Sie ist Training. Sie geht verloren wenn das System lange genug im Aktivierungs-Modus bleibt, und sie kommt zurück wenn das System wieder die Erfahrung macht, dass Erholung sicher ist.
Was passiert wenn Regulation chronisch fehlt
Wer monatelang oder jahrelang im erhöhten Aktivierungs-Zustand lebt, baut keine Resilienz auf. Im Gegenteil. Das System lernt, dass Aktivierung der Default-Modus ist, und vergisst dass es anders geht. Konkret beobachten wir das in vier Mustern:
- Erholung funktioniert nicht mehr. Wochenenden sind nett aber bringen nichts. Urlaub bringt manchmal sogar weniger als ein normales Wochenende, weil die Wieder-Eingewöhnung das System nochmal aktiviert.
- Reaktivität steigt. Reaktionen kommen schneller, härter, weniger filterbar. „Ich bin in letzter Zeit so dünnhäutig“ ist die typische Eigenwahrnehmung.
- Entscheidungs-Müdigkeit ohne objektive Belastung. Auch kleine Entscheidungen werden anstrengend, das System ist permanent in Bereitschaft und hat keine Reserven mehr für Routine.
- Schlaf wird schlechter, Energie wird flacher. Klassisch: man schläft genug, wacht aber nicht erholt auf, weil der Körper auch im Schlaf die Aktivierung halten muss.
An dieser Stelle ist das System nicht weniger resilient. Es ist überreguliert in eine Richtung, die kurz-fristig funktioniert und langfristig kippt.
Warum Resilienz-Trainings das selten lösen
Klassische Resilienz-Trainings arbeiten mit Reframing, mit Glaubenssätzen, mit Selbstwirksamkeit. Sie sagen: ändere deine Bewertung, dann ändert sich dein Erleben. Das ist im Prinzip richtig, hat aber zwei Voraussetzungen, die in der überaktivierten Lage nicht mehr erfüllt sind.
Erstens: das System muss überhaupt in der Lage sein, neue Bewertungen aufzunehmen. Bei chronischer Aktivierung ist die kognitive Verarbeitung selbst eingeschränkt, neue Inhalte landen oberflächlich.
Zweitens: das System muss die neue Bewertung auch in eine andere körperliche Antwort übersetzen können. Bei chronischer Aktivierung ist genau dieser Übersetzungs-Mechanismus blockiert. Du kannst „ich darf entspannen“ hundert Mal sagen, wenn der Körper im Modus „bleib wachsam“ feststeckt, passiert nichts.
Das ist nicht Versagen. Das ist Physiologie. Und es erklärt warum Teams nach einem teuren Resilienz-Workshop oft drei Wochen lang berichten, dass es geholfen hat, und dann wieder im alten Zustand sind.
Was statt Resilienz-Training arbeitet
Was funktioniert, ist Regulationsarbeit. Das ist im Prinzip einfach und in der Praxis ungewohnt. Es bedeutet: dem Nervensystem über kurze, bewusste Praxis-Momente immer wieder die Erfahrung zu geben, dass Erholung möglich und sicher ist.
Das passiert über Atmung, über Wahrnehmung des Körpers im Raum, über bewusste Pausen-Punkte im Tag, über kleine Bewegungs-Sequenzen. Nicht zwei Stunden Yoga am Wochenende. Sondern 60 Sekunden vor jedem schwierigen Meeting. Sechs Mal pro Tag fünf Sekunden Wahrnehmung.
Das klingt banal, ist aber operativ. Studien zur Vagusnerv-Aktivierung, zur HRV-Variabilität und zur Stress-Recovery zeigen relativ konsistent: kurze, häufige Regulations-Momente sind wirksamer als lange, seltene. Das ist die Information, die in vielen klassischen Programmen fehlt.
Was das für Teams konkret heißt
Wer im Team Regulations-Praxis etablieren will, braucht zwei Sachen. Erstens: das Format muss in den Arbeitsalltag passen, nicht daneben stehen. Ein Tagesworkshop einmal im Quartal kann Initialzündung sein, ändert aber strukturell nichts wenn es danach nicht im Alltag stattfindet.
Zweitens: Führung muss vorangehen. Wenn Geschäftsführung selbst keine Regulations-Praxis hat, ist die Botschaft an das Team „macht ihr mal, ich brauch das nicht“. Das funktioniert nicht. Glaubwürdigkeit kommt aus dem eigenen Tun.
Konkret heißt das in der Begleitung, mit der ich arbeite: wir starten mit der Geschäftsführung, etablieren über drei bis sechs Wochen eine eigene kleine Regulations-Routine, und gehen dann erst ins Team. Diese Reihenfolge ist nicht verhandelbar wenn das Format wirken soll.
Wenn die Diagnose im Team „Resilienz fehlt“ ist
Mein Reframe nach 800+ Stunden in dieser Arbeit ist immer der gleiche. Die Frage ist nicht „wie machen wir das Team belastbarer“. Die Frage ist „warum ist das System dieses Teams so überaktiviert dass es trotz objektiv normaler Belastung kippt“. Wenn diese Frage ehrlich beantwortet wird, kommen oft strukturelle Antworten heraus: Meeting-Dichte, Reaktionsverhalten der Führung, Pausenkultur, Erwartungs-Klima.
Erst wenn diese strukturellen Stellschrauben mitgedacht werden, lohnt sich Regulations-Coaching. Sonst ist es Pflaster auf Wunde.
Wer da gerade nicht weiterkommt: ein 30-minütiges Erstgespräch ist meist genug, um zu sortieren ob es ein Coaching-Thema ist oder ein Strukturthema oder beides. Das Erstgespräch ist kostenlos und ohne Pitch.
Patricia Lützen begleitet Geschäftsführungen, Leadership-Teams und ganze Belegschaften im DACH-Raum. Schwerpunkte: Regulationsarbeit auf Nervensystem-Ebene, Reaktivität in Führung, Burnout-Prävention. Erstgespräche kostenlos, online oder vor Ort in Hamburg.