Eine der häufigsten Fragen, die in den letzten zwei Jahren in Erstgesprächen kommt, ist: „Brauchen wir das wirklich noch in Präsenz, oder geht das alles auch online?“ Die Frage ist berechtigt, weil Reisen kostet, weil Termine schwer zu koordinieren sind, weil viele Teams seit der Pandemie remote-first arbeiten.
Meine ehrliche Antwort, die ich in jedem Erstgespräch genauso gebe: 1:1-Coaching geht online genauso gut wie vor Ort. Inhouse-Tage in Krisen-Zeiten nicht. Hier kommt eine Differenzierung, die methodisch wichtig ist.
Was online genauso gut funktioniert
1:1-Sessions über Video-Call sind in meiner Erfahrung methodisch gleichwertig. Wir arbeiten mit Wahrnehmung, gelenkter Aufmerksamkeit, Reflexion. Die Bildqualität moderner Calls erlaubt mir, Stimmprosodie und Gesicht gut zu lesen. Du arbeitest in deiner gewohnten Umgebung, was den Zugang zu deinem System eher erleichtert als erschwert.
Die Wirksamkeits-Daten in der Coaching-Forschung bestätigen das übrigens: zwischen Online-Coaching und Präsenz-Coaching gibt es keine signifikanten Unterschiede in den Ergebnissen, sofern die Methode gut ist und die Arbeits-Beziehung tragfähig.
Wo Präsenz signifikant besser wirkt
Inhouse-Tage und Offsites mit Gruppen sind eine andere Sache. Hier kommt die Co-Regulation ins Spiel: das Phänomen dass Nervensysteme im gemeinsamen Raum aufeinander reagieren, über Stimmprosodie, Atemrhythmus, Mimik. Diese Resonanz funktioniert remote eingeschränkt.
Drei Beobachtungen aus zehn Jahren Inhouse-Arbeit:
Erste Beobachtung, das gemeinsame Atmen. In Präsenz, sobald ein Workshop in eine ruhige Phase kommt, beginnen die Atemfrequenzen sich aufeinander abzustimmen. Das ist messbar (HRV-Studien aus Gruppenkontexten zeigen das deutlich). Online passiert das wenig, weil das System die anderen nicht „spürt“.
Zweite Beobachtung, der gemeinsame Mut. Themen, die schwierig sind, kommen in Präsenz-Workshops oft auf den Tisch. In Online-Workshops bleiben sie häufiger unter der Oberfläche. Das hat physiologische Gründe: das System schätzt einen Raum mit anderen Körpern als sicherer ein als einen Raum mit Bildschirmen, was die Bereitschaft zu Verletzlichkeit verschiebt.
Dritte Beobachtung, die Dichte der Erfahrung. Ein 8-Stunden-Inhouse-Tag in Präsenz trägt mehr als zwei 4-Stunden-Online-Tage. Nicht wegen der Stunden, sondern wegen der Dichte. In Präsenz bleibt das Thema in Pausen, beim Mittagessen, im Flur. Online fragmentiert sich das.
Wann wir trotzdem online machen
Drei Szenarien, in denen ich online auch Gruppen-Workshops mache, ohne mich dafür zu schämen:
Erstens, wenn das Team verteilt ist und keine realistische Präsenz-Option besteht. Online ist immer noch besser als nichts. Wir nutzen kürzere Einheiten (90 Minuten statt 6 Stunden), mehr Pausen, klarere Strukturen.
Zweitens, in Phasen wo Präsenz-Reisen das System zusätzlich belasten würden. Nach einer langen Reisesaison kann eine Online-Session weniger Stress bedeuten als ein weiterer Reise-Tag.
Drittens, für kurze Follow-up-Termine zwischen Präsenz-Tagen. Hier reicht der Online-Kanal, weil die methodische Substanz im vorigen Präsenz-Tag entstanden ist.
Was das für eure Planung heißt
Wenn ihr eine Präventions-Linie für 2026 plant: 1:1-Coaching kann remote sein, das spart Reise-Aufwand. Inhouse-Tage und Offsites sollten Präsenz sein, vor allem in Phasen wo das Team in Aktivierung sitzt. Eine vernünftige Mischung in einem Jahresplan: ein bis zwei Präsenz-Tage pro Quartal, plus laufendes Coaching online.
Mehr zu der gesamten Präventions-Linie inklusive Reihenfolge der Stufen findest du in der Pillar-Page Burnout-Prävention C-Level.
Patricia Luetzen arbeitet sowohl remote als auch in Präsenz im DACH-Raum, mit Schwerpunkt Hamburg. Inhouse-Tage und Offsites in Deutschland, Schweiz, Österreich nach Absprache. Erstgespräch anfragen.
Häufige Fragen
Wann ist Inhouse-Präsenz wirksamer als ein Online-Workshop?
Sobald Co-Regulation Teil der Arbeit ist. Stimm-Prosodie, Mikro-Mimik und Atem-Synchronisation übertragen sich im Raum direkt; online geht ein erheblicher Teil verloren. In akuten Team-Belastungen ist Präsenz fast immer der wirksamere Hebel.
Lässt sich somatische Arbeit auch online machen?
Ja, in dosierten Formaten. Geeignet sind 1:1-Sessions, kurze Check-ins und fokussierte Übungen. Weniger geeignet sind Team-Settings mit hoher Dichte oder Konflikt-Arbeit. Wenn online, dann mit klarem Setup, Kamera-Disziplin und kurzen Sequenzen statt Marathon-Tagen.
Welche Settings funktionieren in Krisenzeiten am besten?
Hybrid mit Schwerpunkt Inhouse. Erste Entlastung im Raum, danach Online-Stützung im Alltag. Wichtig ist die Reihenfolge: erst körperlich co-regulieren, dann digital nachhalten. Umgekehrt funktioniert es selten.