„Du musst stärker werden.“

Das ist der Satz mit dem viele Führungskräfte ins Coaching kommen. Manchmal selbst gesagt, manchmal von einem früheren Mentor übernommen, manchmal von der eigenen Geschäftsführung als Erwartung formuliert. „Mehr mentale Stärke.“ „Mehr Belastbarkeit.“ „Bessere Mindset-Skills.“

Mein Reframe ist seit Jahren der gleiche, und ich werde immer sicherer darin: du bist nicht zu schwach. Dein System ist zu lang im roten Bereich. Stärker-werden hilft nicht, regulieren-können schon.

Das klingt erstmal nach Wortklauberei. Ist es nicht. Es ist der Unterschied zwischen Coaching das funktioniert und Coaching das nach drei Wochen verpufft. Und es liegt an etwas das im klassischen Mindset-Training fehlt.

Was Mindset-Training kann, und wo es aufhört

Mindset-Training arbeitet mit Gedanken, Glaubenssätzen, Reframings. Es kann eine Menge. Wer durch Mindset-Coaching seine Eigen-Erzählung ändert, ändert oft auch sein Verhalten. Das ist nicht nichts, das ist viel.

Aber: Mindset-Training setzt voraus, dass dein System überhaupt in der Lage ist, die neuen Gedanken aufzunehmen und in Verhalten zu übersetzen. Diese Voraussetzung wird selten geprüft.

Wenn dein Nervensystem seit Monaten oder Jahren in einem chronisch erhöhten Aktivierungs-Zustand lebt (klassisch nach intensiven Wachstumsphasen, Konfliktquartalen oder Burnout-Vorboten), ist genau diese Voraussetzung nicht mehr erfüllt. Der Körper bleibt im Reaktiv-Modus, egal welche neuen Glaubenssätze du intellektuell verstehst.

Das ist keine Meinung, das ist Physiologie. Stephen Porges‘ Polyvagal-Theorie beschreibt das gut: das autonome Nervensystem hat hierarchische Modi, und in welchem Modus du gerade bist, entscheidet wie du wahrnimmst, entscheidest, kommunizierst. Mindset-Arbeit findet im Cortex statt. Wenn aber dein autonomes System im Aktivierungs-Modus stehen geblieben ist, kommt der Cortex gar nicht erst dazu, in der Realität zu führen.

Drei Beobachtungen aus der Arbeit mit Geschäftsführungen

Was ich in Erstgesprächen sehr häufig höre, wenn ich frage „und wo merkst du das körperlich?“:

Erste Beobachtung, Schlafqualität ist der erste Indikator, der oft ignoriert wird. Ein Geschäftsführer sagte mir im Erstgespräch: „Ich falle abends in den Schlaf wie ein Sack, wache aber zwischen 3 und 5 Uhr auf, mit dem Kopf voll.“ Klassisches Zeichen dass das System abends erschöpft genug für Einschlafen ist, aber den Tiefschlaf-Übergang nicht mehr findet, weil der Vagus-Nerv-Tonus zu niedrig ist. Mindset-Training hilft hier nichts. Regulationsarbeit schon.

Zweite Beobachtung, Reaktivität in Meetings hat fast nichts mit dem Inhalt zu tun. Wenn die Führung im überlasteten System steckt, eskaliert der gleiche Konflikt schneller, der vor sechs Monaten noch gelöst wurde. Nicht weil das Team „schwieriger“ geworden ist, sondern weil die Regulationsfähigkeit der Führung abgenommen hat. Hier hilft kein „bessere Kommunikations-Skills“-Workshop. Es braucht somatische Arbeit zuerst.

Dritte Beobachtung, der Körper sagt’s, lange bevor der Kalender es zeigt. Kiefer-Verspannung. Schultern hochgezogen. Atmen das „nicht ganz unten ankommt“. Verdauung die nicht mehr mitspielt. Diese Signale sind Frühwarnsysteme. Wer sie ignoriert, erfährt erst später, durch ein Burnout-Erlebnis oder einen körperlichen Zusammenbruch, was schon längst los war.

Was die Lösung NICHT ist

Bevor jemand jetzt denkt „dann brauche ich also Therapie“: nein. In den meisten Fällen nicht.

Was ich im Coaching mache, ist nicht therapeutisch. Es ist regulatorisch. Du arbeitest mit konkreten Werkzeugen die zeigen wo dein System gerade ist (zum Beispiel über meinen kostenlosen Nervensystem-Check), und übst kleine somatische Praktiken die in 60 bis 180 Sekunden im Alltag passen.

Das ist der Unterschied: keine Sessions auf der Couch, keine Bearbeitung von Kindheits-Themen, kein „erst mal alles aufmachen“. Sondern: präventiv-regulatorisch, eingebettet in deinen B2B-Alltag, mit Methoden aus der Somatic-Experiencing-Tradition pragmatisch übersetzt.

Wenn etwas auftaucht das tatsächlich therapeutisch begleitet werden sollte, sage ich das ehrlich und verweise weiter.

Drei pragmatische Schritte für diese Woche

Wenn du diesen Text liest und denkst „mein System ist auch im roten Bereich“:

Schritt 1, Bestandsaufnahme. Mach einmal den 12-Fragen-Selbst-Check. Nicht weil ich dir was verkaufen will, sondern weil viele Führungskräfte erst über die konkreten Fragen merken, was eigentlich los ist. Den Check findest du auf fit2aligned.com/nervensystem-check/. Kostenlos, ohne Login, druckbar.

Schritt 2, eine einzige Mikro-Praxis täglich. Nicht zehn neue Routinen. Eine. Beispielsweise: vor dem ersten Kaffee-Schluck morgens drei Atemzüge, ein bisschen länger ausatmen als einatmen. Das ist in 90 Sekunden vorbei. Und es signalisiert deinem System „wir starten heute nicht im Aktivierungs-Modus“.

Schritt 3, Ehrlichkeit mit dir selbst. Wenn du im Auswertungs-Score über der Schmerzgrenze landest und das schon seit Wochen so ist, hör auf so zu tun als wäre alles OK. Sprich mit jemandem. Das kann ich sein, das kann eine Therapie-Sitzung sein, das kann der Hausarzt sein. Aber sprich.

Schlusswort

Wir haben in der Coaching-Welt eine Über-Romantisierung des Mindsets aufgebaut. „Du musst nur anders denken.“ „Du musst nur stärker werden.“ Das hat seinen Wert, ist aber nicht das ganze Bild.

Wenn du unter Druck klar bleiben willst, wenn dein Team auch in schweren Quartalen funktional bleiben soll, wenn deine Führung tragen soll auch dann wenn es brenzlig wird, dann braucht es mehr als einen neuen Glaubenssatz. Es braucht ein Nervensystem das den Stress halten kann, ohne in den Reaktiv-Modus zu fallen.

Genau dafür ist somatisches Coaching. Substanz statt Performance.


Patricia Lützen ist Somatic Coach für Geschäftsführungen, Leadership-Teams und ganze Belegschaften. Sie arbeitet mit Methoden aus Somatic Experiencing (nach Peter Levine), systemischer Arbeit und Human Design als pragmatischem Werkzeug. Erstgespräch unverbindlich anfragen.

Quellen + weitere Lektüre: Polyvagal Institute · Somatic Experiencing International